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Cyborg und Alter: Zeitloch von Existenz

Interview mit einer 86 Jahre alten Cyborg

Margarethe Koller,geboren am 10. März 1911 in Wien. Cyborg-Grad: sehr hoch. Cyborg Eigenschaften: Zähne, Hörhilfen, Brillen, Herzschrittmacher, Metallklammern um die Brustknochen nach einer Herzoperation zusammenzuhalten, ein Metallimplantat in einer Zehe, Fernsehen als das fast einzige Gerät um Kontakt zur Außenwelt aufzunehmen, da sie die Wohnung nicht mehr verlassen kann. Selbstbeschreibung: noch menschlich.

Hintergrund: 1911 in Wien in die Arbeiterklasse geboren, Standard-Ausbildung, wurde Schneiderin und Hausfrau mit Ehemann und zwei Kindern.

F1: Als Sie ein Kind waren, welche Arten von Medien/Technologien gab es in Ihrer Umgebung?

A1: Nun, eine Menge Zeitungen, falls es das ist, was Sie mit Medien meinen, und Technologien... na ja, ich glaube, Sie meinen Computer - wir haben nur Maschinen verwendet. Das heißt, die Industrie hat. Zu Hause haben wir unsere Wäsche mit der Hand gewaschen, und wir haben sogar die Seife selbst gemacht. In meiner Familie ist mein Vater der einzige gewesen, der eine Zeitung gelesen hat. Er hat Buchumschläge und ähnliches gemacht, daher verwendete er Maschinen. Sie müssen verstehen, es hat damals schon Autos gegeben, aber keiner aus dem gewöhnlichen Volk hat eines gehabt. Selbst der Kaiser (ich habe ihn einmal auf der Ringstraße gesehen) hat eine Pferdekutsche benutzt.

Später, als ich etwas älter war, sagen wir fünfzehn, ist das Kino ein sehr populär Ort gewesen, um Nachrichten aus aller Welt zu erfahren und um unterhalten zu werden. Meine Klavierlehrerin hat in einem dieser Kinohäuser gespielt, und ich bin oft hingegangen um sie zu sehen. Wenn es nicht ihretwegen gewesen wäre, hätte man mir wahrscheinlich nicht erlaubt hinzugehen.

F2: Wie war es mit Fotografie?

A2: Ja, es hat Fotografie zu jener Zeit gegeben. Mein Vater hat uns bei besonderen Gelegenheiten fotografiert - es war teuer, Sie wissen. I habe noch einige der Fotos von damals. Sie sind nette Erinnerungen. Für mich war es immer aufregend fotografiert zu werden. Es war etwas Besonderes für mich.

F3: Welche Rolle hat das Radio für Sie gespielt und wann haben Sie Ihr erstes Radio bekommen?

A3: Wir haben in den dreißiger Jahren ein Radio bekommen. Es haben nicht viele Leute in unserem Haus eines gehabt, aber mein Vater ist richtig mutig bei diesen Dingen gewesen. Meine Mutter hat es nicht zu sehr gemocht, weil sie sehr musikalisch gewesen ist und die Klänge dieser Kiste nicht gemocht hat. Während des Zweiten Weltkrieges ist es sehr wichtig gewesen, weil wir so die Neuigkeiten erfahren haben. Dann habe ich geheiratet, und 1935 sind wir in unser Haus gezogen, und mein Gatte hat ein Radio gekauft. Er hat sich gefreut nach Hause zu kommen und es zu hören. Unsere Töchter sind mit dem Radio aufgewachsen und haben die populäre Musik gemocht, besonders als sie älter gewesen sind in den Fünfzigern (sie sind damals Teenager gewesen). Es ist nicht so wichtig für mich gewesen, aber für die Mädchen war es gute Unterhaltung und modern.

F4: Wann haben Sie Fernsehen bekommen?

A4: Sehr spät. Wir haben nicht viel Geld gehabt, und solange mein Ehemann gelebt hat, haben wir kein Fernsehgerät gehabt. Mein Schwiegersohn hat uns ein altes Gerät 1968 gegeben, aber wir haben nicht so viel ferngesehen, nicht so viel wie heutzutage.

F5: Sehen Sie jetzt viel fern?

A5: Ich glaube schon. Am Morgen die Nachrichten, zu Mittag die Nachrichten, am Abend wieder Nachrichten und Sendungen mit österreichischer Volksmusik. Aber ich gehe früh zu Bett, daher schaue ich jetzt nicht so viel die Kriminalfilme an, wie ich es frührer mit meinen Enkeln gemacht habe, aber Wild-Westfilme, ja, die mag ich!

Ich sehe nicht sehr gut, auch mit Brillen, und ich habe Schwierigkeiten zu hören - trotz meiner Hörhilfen.

F6: Warum sehen Sie fern? Wegen der Nachrichten oder zur Unterhaltung?

A6: Sehen Sie, in den letzten 3 Jahren hat sich mein Gesundheitszustand dramatisch verschlechtert. Ich bin normalerweise sehr aktiv gewesen und habe nicht viele gesundheitliche Probleme gehabt, nichts Ernstes jedenfalls, und plötzlich kann ich nicht einmal das Haus verlassen. Das ist wirklich schrecklich für mich, daher sehe ich fern, damit die Zeit verstreicht. Ich habe frührer einige Musikinstrumente gespielt, bis es meine Gesundheit nicht mehr erlaubt hat, und was das Schrecklichste für mich ist, daß ich Dinge nicht mehr tun kann, die ich mein ganzes Leben lang getan habe. Manchmal denke ich, ich warte nur auf den Tod. Meine Familie kümmert sich wirklich sehr um mich, und zumindest bin ich nicht alleine mit dem ganzen hier.

F7: Sie haben auch einen Herzschrittmacher und eine Metallzehe.

A7: Ja, ich habe eine Herzoperation letztes Jahr gehabt. Sie haben mich nicht operieren wollen, weil die Ärzte gesagt haben, daß ich zu alt bin für so eine hohe Dosis von Betäubungsmitteln. Aber ich bin in einem wirklich schlechten Zustand gewesen und ich habe entschieden: entweder ist das meine Chance oder ich würde lieber sterben. Und ich bin noch hier... eingeschränkt bei dem, was ich tun kann (wie ich gesagt habe, ich kann kaum das Haus verlassen und ich kann nicht arbeiten), aber ich bin hier.

F8: Auf dem Röntgenbild Ihres Herzschrittmachers können Sie mit Ihrem Körper verschmolzene Technologie genau erkennen. Denken Sie jemals über diese Technologie in Ihnen nach?

A8: Nicht wirklich. Ich verstehe nicht genau, was die getan haben. Ich weiß daß es meinem Herzen hilft und daß ich deswgen noch am Leben bin. Falls Sie es so ausdrücken wollen... dieses Stück Technologie ist in mir drinnen... sicher, ich glaube, das ist nicht falsch, aber das einzige was für mich zählt ist, was es für mich tut.

F9: Lauschen Sie Ihrem Herzen? Fühlen Sie das Metall in Ihnen?

A9: Ich fühle nichts dergleichen. Manchmal jedoch, tue ich's, und dann bin ich still und höre zu, und das ist seltsam. Ich denke normalerweise nur darüber nach, daß es gut weiterarbeitet. Aber ich glaube, daß sich die Medizin und alles derartige so weit entwickickelt haben, daß ich nur noch glauben kann, daß es funktioniert, aber fragen Sie mich nicht wie und warum.

F10: Was hat sich in den letzten Jahren für Sie verändert, seit Sie mit solch einer Menge an Technologie leben, angefangen von den Zähnen und Hörhilfen bis zum Herzschrittmachen?

A10: Was sich verändert hat... Ich weiß es nicht genau... Ich bin älter und die alte Maschine, mein Körper, arbeitet nicht mehr so gut wie früher (Gelächter), und ich muß mich einschränken und auf mich aufpassen. Es hat sich nicht alles auf einmal verändert, sondern ich habe langsam mehr und mehr Geräte zur Unterstützung gebraucht.

F11: Hilft es Ihnen zu leben?

A11: Ja, sicher.

F12: Wissen Sie, was ein Cyborg ist?

A12: Nein, tut mir leid.

F13: Man könnte sagen, daß Sie ein Cyborg sind, weil Sie so viel Technologie in sich tragen, die Sie zum Überleben benötigen. Cyborg ist ein Begriff, der eine Lebensform beschreibt, die teilweise menschlich, teilweise irgendwie technologisch ist.

A13: Aber ich bin immer noch menschlich. Ich habe so viel Technologie in mir, aber das Meiste sehe ich nicht und ich kümmere mich nicht so viel darum. Es geht mehr darum, was es für mich tut, das ist wichtig für mich. Ich habe diese Dinge nur, weil mein Körper nicht mehr so gut funktioniert. Diese Dinge helfen mir.

F14: Glauben Sie, daß diese Technologien Ihr Leben verlängern?

A14: Ich weiß nicht. Wenn Gott mich zu sich nehmen möchte, wird er es tun. Ich weiß wirklich nicht, warum er sich so lange Zeit läßt! (Gelächter) Aber sie helfen mir, sicherlich, womit auch immer.

F15: In Ihr Leben ist nach und nach immer mehr Technologie eingedrungen - Radio, Fernsehen und im Alter medizinische Hilfen. Wie denken Sie darüber?

A15: Ich habe nie wirklich darüber nachgedacht. Das waren nicht die einzigen Dinge, die sich geändert haben. Was ich gesehen habe, ist wie sich die Moral veraendert hat und was wichtig im Leben eines Menschen ist. Es ist wirklich ganz anders als wie ich jung war.

F16: Glauben Sie, das ist vielleicht wegen der Technologien oder Medien so?

A16: Vielleicht wegen des Fernsehens. Einige Filme finde ich anstößig, aber wie gesagt, die Moral ist heutzutage eine andere. Vielleicht gibt es auch gar keine mehr, das wäre auch möglich.

F17: Falls Sie heute wüßten, daß Sie noch weitere 50 Jahre zu leben hätten, wollten Sie dann gerne wissen, wie man mit einem Computer umgeht?

A17: Wozu? Ich weiß nicht, was er tut. Ich bin eine Schneiderin und spiele gerne Musik und mache gerne Gartenarbeit. Und das ist das, was ich die nächsten 50 Jahre tun würde... und vielleicht wenn meine Enkel Kinder haben, würde ich auf sie aufpassen. Kinder sind wundervoll!

F18: Aber zuerst waren Sie auch nicht so begeistert von Radio und Fersehen, und dann wurde das langsam ein Teil Ihres Lebens. Dasselbe könnte mit Computern geschehen.

Vielleicht, ich weiß nicht. Dann glaube ich, ich würde schon Computer benutzen.

F19: Würden Sie sich selbst als Cyborg bezeichnen?

A19: Ich fange an das Wort zu mögen: Cyborg. Ich nehme an, wenn ich weitere 50 Jahre hätte, würde ich Begriffe wie diesen besser kennenlernen und ja, vielleicht würde ich mich selbst als Cyborg bezeichnen - wenn ich nicht entdeckte, daß es etwas Schmutziges wäre.

F20: Es ist nichts Schmutziges.

A20: Dann können Sie es tun und mich einen Cyborg nennen.



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