virtual communities


"virtual communities" ist wohl eines der buzzwords der späten neunziger geworden, nicht zuletzt durch den "telegarden". wie kann man eine virtual community schaffen?

ein erstes nachdenken zu dieser frage führt uns die erfolgreichen beispiele für virtual communities vor, so etwa den telegarden (telegarden.aec.at), ultima online (www.owo.com) oder ganz einfach MUDs. die dabei zur verfügung gestellte infrastruktur wirkt als kristallisationspunkt für die communitybildung, und es entstehen um die eigentlichen inhalte gruppierte, selbstorganisierte strukturen wie newsletter, fanzines und ganz nicht-virtuelle user-treffen.

denkt man über die frage länger nach, entdeckt man schnell, dass da ein widerspruch versteckt ist: virtual communities sind ein phänomen der selbstorganisation, und selbstorganisation lässt sich nicht schaffen. Mit diesem problem kämpfen über kurz oder lang auch ausnahmslos alle geschaffenen communities. sichtbarstes beispiel dieser tatsache ist diedemonstration der teilnehmerInnen (bzw. deren avatars) von ultima online, um gegen verschiedene umstände zu protestieren. tatsächlich setzt die umgehung der die community formenden regeln bereits wesentlich weiter innen an: schlaue user instruieren den computer so, dass dieser die anwesenheit oder sogar bestimmte tätigkeiten seiner besitzerIn vortäuscht. Motivation dieses verhaltens sind meist entweder die lust am machbaren – die sinnlose überwässerung des telegarden ist hier ein wunderbares beispiel aus der wirklichkeit – oder der wunsch nach besonderen vorteilen in der community, etwa dem besitz vermehrter ressourcen.

die häufigste folge der aufdeckung solcher tricks ist meistens das verbot derselben. so gilt in vielen MUDs ein allgemeines verbot von "bots" (kurz für robots, software, die so zu tun versucht, als wäre sie ein mensch). gelingen die versuche der eindämmung, glückt die verbannung des undergrounds, werden solche communities oft schal, kleinbürgerlich, schreberesk.

wahrscheinlich steckt hinter solchen „hacks" also mehr als nur die virtuelle entsprechung des diebstahls von hotelhandtüchern oder restaurant-aschenbechern. hier werden die regeln gebrochen, die von den organisatoren eines in seiner natur tendenziell selbstorganisierten systems vorgegeben wurden. das system drängt sozusagen in seine „natürliche" freiheit. schliesslich wird ja niemand geschädigt, die ressourcen sind alle virtuell und stehen damit praktisch unbegrenzt zur verfügung. wie für hacker typisch, werden durch solche umgehungen manchmal sogar vorher ungenutzte systemressourcen nutzbar.

und so stellt sich heraus, dass virtuelle communities nicht geschaffen werden können, sie entstehen. die frage muss also als ungeeignete V1.0 zurückgewiesen werden, und die zweite version der frage stellt sich so: "was kann man tun, um die entstehung einer virtual community zu ermöglichen?" ersetzt werden. die frage V2.0 lässt nun auch die notwendige demut gegenüber den zukünftigen mitgliedern der community erkennen: sie sind es, die mit und in der community agieren, also sollen sie es sein, die diese community gestalten dürfen, die regeln festlegen, so wie auch das einzige regelwerk des internet, die netiquette, entstanden ist.

aber auch mit dieser V2.0 bekommen wir probleme: welche voraussetzungen zur schaffung selbstorganisierter strukturen notwendig sind, ist ungeklärt, offenbar ist auch das eine der fragen, die sich nur im ausschluß-verfahren beantworten lassen: wir wissen lediglich, was die entstehung von communities verhindert. (und so stellt sich immer mehr heraus, dass es eigentlich gar nicht um diese frage geht, sondern darum, warum überhaupt communities entstehen. und es wird klar, daß wir schnell an die grenzen unschuldigen fragens kommen, und vielleicht ganz schnell wieder zu praktischeren aspekten zurückkehren sollten).

unter diesen gesichtspunkten wurde als in der vorbereitung zur "telezone" diskutiert, welche forderungen man an (zukünftige) community-mitglieder stellen solle. wie stellt man sicher, daß die leute zueinander nett sind, einander helfen und so die community ermöglichen? (ist das etwa frage V2.1?) ergebnis der diskussion war mehr oder weniger, daß man das nur zum preis der ausschließung großer gruppen von potentiellen mitgliedern tun kann, weil die forderung nach unterordnung unter ein stark strukturiertes, sozial ausgerichtetes regelwerk die oben beschriebenen gegenbewegungen provoziert.

ergebnis der diskussion war die definition eines frameworks, einer durch die technologien definierten "verfassung" für telezone. den wesentlichen teil dieser verfassung geben die technischen randbedingungen vor, die durch den einsatz des roboters, dessen schutz vor zerstörung etc. bestimmt sind. darüber hinaus wird eine ausgangssituation geschaffen, aus der heraus die community sämtliche weiteren entscheidungen, die gesamte weitere entwicklung von telezone selbst in die hand nehmen soll.

der kurs, den telezone unter diesen bedingungen nehmen wird, ist unklar. gewinnt die trägheit, und die ausgangsregeln werden akzeptiert? einigen sich alle mitglieder, zur erreichung eines gemeinsamen ziels (zb. dem nachbau des ars electronica centers) zu kooperieren? entstehen rivalisierende gruppen, clans, die gegeneinander krieg führen (etwa durch aufstellen von mauern um die werke des jeweils anderen clans)? entsteht eine stadt? ein museum? ein figurenpark? ein poststrukturalist-isches manifest?

wir werden die antwort sehen, im besten sinn des wortes. telezone wird die erste virtuelle community, deren entwicklung sich unmittelbar in hardware widerspiegelt. zu besichtigen im ars electronica center in linz, oder unter http://telezone.aec.at/ .


Univ.Ass. DI Dr. Peter Purgathofer
Institut für Gestaltungs- und Wirkungsforschung der TU Wien