TeleZone


Das Projekt Telezone hat für das Ars Electronica Center in mehrfacher Hinsicht einen besonderen Stellenwert:

Allen voran ist es ein gelungenes Beispiel für die Integrationsfunktion des Ars Electronica Center. Wenn man sich die Liste derer die dieses Projekt ermöglicht haben ansieht - Universitätsinstitute, Fachhochschullehrgänge, die Telekom, die Fa. Wittmann, ein Projektleiter, der Robotikexperte ist und Philosophie studiert, Grafiker, Architekten, Programmierer - so ist es geradezu ein Lehrbeispiel für die oft geforderte Synergie von Kunst, Wissenschaft und Forschung, für die Zusammenführung unterschiedlicher Kompetenzlagen die notwendig sind wenn es darum geht, die Herausforderung der neuen digitalen Technologien zu bewältigen.

Es ist aber auch eine prototypische Versuchsanordnung für die Untersuchung der auf diesen Technologien aufbauenden modernen Informationsgesellschaft.

"Sofware code - more than law - defines the true parameters of freedom in cyberspace. The question of what the architecture of cyberspace should be is not a neutral question. We need to think about it in political terms."

Mit diesem Gedanken hat der Jurist und Harvard Professor Lawrence Lessing eine zentrale Fragestellung formuliert: Welche Normen und Konventionen werden das Zusammenleben in einer von globaler Beschleunigung und Vernetzung geprägten Welt bestimmen?

Das faszinierend Neue am Internet, sein kulturelles wie ökonomisches Potential ist seine Öffentlichkeit, die Form, in der wie bei keinem anderen Medium zuvor, nicht bloß passiver Konsum, sondern aktive Teilnahme auf breiter, allgemeiner Basis möglich wird. Jeder Teilnehmer kann nach Belieben Sender oder Empfänger sein. Diese einfache technische Realität macht das Internet zu wesentlich mehr als nur einem modernen Informationsmedium, zu einer tragfähigen Infrastruktur für Gemeinschaft.

Telepräsenz, (einfach gesagt, die Möglichkeit sich an einem Ort an dem man nur mittels Netzwerkverbindung anwesend ist bemerkbar zu machen) zählt zu den wichtigsten aber auch schwierigsten Aufgabenstellungen mit denen wir uns auf dem Weg in eine erfolgreich funktionierende Informationsgesellschaft auseinander setzen müssen. Es ist die Frage, wie wir die vielfältigen gesellschaftlichen Umgangs- und Kommunikationsformen die wir in der sogenannten realen Welt über lange Zeit hinweg entwickelt, erlernt und eingeübt haben, in den Cyberspace übertragen können, bzw. welche neuen Formen wir entwickeln können.

Das ist eine Frage die nicht bloß für wenige Computer- und Internetfreaks wichtig ist. Denn tagtäglich übertragen wir mehr und mehr unserer sozialen Interaktionen in den Bereich der elektronischen Medien. Tagtäglich finden wir uns mehr und mehr in einer hochtechnologisierten Umwelt wieder. Denken sie an unsere Krankenhäuser, denken sie an das globale Finanz- und Börsensystem das in seiner globalen digitalen Vernetzung gewissermaßen zum zentralen Lebensnerv nicht nur der westlichen Industrienationen geworden ist, denken sie an Teleworking, Telebanking, Telelearning...

Wie und woran orientieren wir uns in dieser Umwelt, wie knüpfen wir Freundschaften, wie entsteht Aversion, wie Vertrauen? Wie schaffen wir Verbindendes aber auch Distanz? Differenzierung und Individualität sind auch im virtuellen Raum wichtige Elemente gesellschaftlicher Prozesse.

Und nicht zuletzt ist Telezone auch ein modellhaftes Projekt einer neuen Museumsdidaktik deren Vermittlungsstrategie darauf setzt den Besucher zu einem Teil der Ausstellung zu machen.

Ausgangspunkt des Projektes war ein mehrstündiges Telefonat mit Ken Golbberg, dem Künstler und Robotikexperten aus Kalifornien, in dem wir über ein Nachfolgeprojekt für den Telegarden sprachen. Auf der Suche nach einem ähnlich tauglichen Modell für Gemeinschaft und soziale Verantwortung wie es der Roboter im Garten ist, brachte Ken die Idee eines Internet-Architektur-Projektes ins Spiel. Er hatte sich mit strukturellen Ansätzen dieser Art schon in einigen Projekten auseinander gesetzt. und wollte dies nun in einem größeren Projekt mit einem über das Internet gesteuerten Roboter umsetzen. Mein Interesse fiel dabei sofort auf die Möglichkeit, über das Architektur-Experiment hinaus eine "Internet-Stadt" entstehen zu lassen. Als das gesuchte Modell um soziale Prozesse zwischen Menschen die sich nur mittels Computer und Netzwerk kennen zu überprüfen, aber auch als ideale Schnittstelle zwischen den lokalen Besuchern unseres Museums - also jenen die tatsächlich physikalisch anwesend sind - und den telematischen, also jenen die über Internet telepräsent, also virtuell anwesend sind.

Die Stadt ist bei Telezone eine Metapher, mit der sich Konzepte für eine Internet-Gesellschaft mit den Erfahrungen der Gegenwart und Vergangenheit vergleichen lassen. Städte entstanden als geographische Konglomeration gemeinschaftlicher Bedürfnisse und hatten stets die Funktion der sozialen Vernetzung durch räumlichen Verdichtung. In ihnen zentrierte sich seit jeher Macht, Kapital, Wissen, und Kultur. Das Stadtbild des 20Jh. ist geprägt von der industriellen Maschine, der Beschleunigung der Verkehrs- Transport- und Nachrichtensysteme, und der Wettbewerbs entscheidenden Verkürzung der Entscheidungs- und Geschäftsprozesse. Die digitale Stadt, als Beschreibungsmodell gemeinschaftlicher Prozesse einer globalen, telematischen Gesellschaft existiert nicht mehr durch großflächige Wohnviertel; Industrieansiedlungen und wolkenkratzende Bürotürme sondern als Softwareprogramm auf über den ganzen Globus verteilten Computern.

Die Teilnahme des Einzelnen an Öffentlichkeit ist in einer telematischen Informationsgesellschaft keine Angelegenheit von Straßen und Plätzen, keine Frage der Einheit des Ortes sondern eine der Medienkompetenz. Mehr noch als ihr geographischer Vorläufer wird die digitale Stadt als "Polis“ des Cyberspace vor allem eine Schnittstelle des Individuums zur Gesellschaft, eine Schnittstelle zwischen Privat und Öffentlichkeit sein. Ein soziales Konstrukt in dem sich Identität durch kulturelle Korrelation begründet.

Gerfried Stocker, Ars Electronica Center